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─ GESCHICHTE DES SCHÜTZENAUSMARSCHS ─ TEIL 4 ─ |
![]() Vermehrung der Schützenvereine Zufällig recht genau mit dem Anbruch des 20. Jahrhunderts begann sich der Schützenausmarsch in Gestalt der Schützenvereine neu aufzubauen. Es setzte eine Tendenz ein, die - von den beiden Weltkriegen kaum gebremst - ungefähr neun Jahrzehnte lang anhalten sollte! Unentwegt schlossen sich neue Vereine dem Zug an, gleichermaßen sowohl allgemein-hannoversche als auch solche mit ausdrücklich auf Stadtteile bezogenen Namen. Dazu ist ein kurzer Blick auf die Entwicklung von Gebietsstand und Einwohnerzahl nützlich: Bis 1891 endete Hannover hinter den Siedlungsbereichen, welche informell als Nordstadt, Oststadt und Südstadt bezeichnet wurden (Kleefeld gehörte jedoch auch schon dazu). Den westlichen Außenposten stellte nach wie vor die Calenberger Neustadt dar, für die man im Schützenwesen interessanterweise den Namen „Weststadt“ verwendete. Dann folgten in vier Wellen bis 1974 die Eingemeindungen hin zum seither gültigen Gebietsstand. Die Stadtteilvereine existierten teils schon vor der jeweiligen Eingemeindung, teils noch nicht. Im ersteren Fall ist auch für den Einstieg in den Schützenausmarsch keine Regel zu erkennen, d.h. manche Vereine waren schon vor der Eingemeindung dabei, andere zögerten selbst nach der Eingemeindung zunächst weiter. Mehrere jüngere Stadtteile wurden erst innerhalb der Grenzen Hannovers begründet, und andererseits zählen einige Vereine zum Stamm, die aus nie eingemeindeten Ortschaften kommen. Die Einwohnerzahl der Stadt überschritt 1903 nach ungeheurem vorherigen Wachstum die Schwelle von 250.000, was mehr als das Zehnfache dessen im Geburtsjahr der USG v. 1837 bedeutete. Bis zum 2.WK vollzog sich nochmals fast eine Verdoppelung, bevor sie anschließend über die Halbmillionenmarke kletterte, wie gesagt alles bei veränderlichem Gebietsstand. Durch die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts marschierten die Ur-Schützenvereine USG 37, VfF 62 und HJK 78 - ohne feste Zuordnung - an den Spitzen der drei Züge (ab der Unterteilung in vier Züge auch Nordstadt 93). Weitere schon im Kaiserreich bestandene allgemein-hannoversche Vereine waren HSG 02, SGH 03, Kleeblatt 99, Freihand-Schützenklub 04, Ernst-August 02, St. Hubertus 06, Freihand Tell, Aus den Stadtteilen können als Teilnehmer bereits vor dem 1.WK bestätigt werden: Cellerstraßen-Distrikte, Fernrode, Hainholz, Heidorn, Herrenhausen (01 und 08), Kleefeld, Klein-Buchholz, List (76 und Diana), Nordstadt (neben 93 mehrere weitere Vereine), Oststadt 01, Ricklingen, Südstadt 98, Vahrenwald, 14. Distrikt, Weststadt (98 und 04). Undeutlich ist die Lage bei den vier Kern-Lindener Vereinen 04, BSG, Freihand und Schützenvereinigung 09, wovon zumindest die beiden ersteren auch nicht ganz unbeteiligt waren. In den 1920er-1930er Jahren folgten Ahlem, Badenstedt, Davenstedt, Döhren (99 und 01), Empelde, Groß-Buchholz, Kirchrode, Langenhagen, Limmer, Stöcken, Wettbergen, Wülfel sowie der SC Alt-Linden. Weiter ging es in den Nachkriegs-Jahrzehnten mit u.a. den Neulingen Bemerode, Bothfeld, Brink, Grasdorf, Hahnenburg, Hemmingen, Laatzen, Langenforth, Marienwerder, Misburg, Mittelfeld, Oberricklingen, Ronnenberg, Vahrenheide, Vier Grenzen. Auch Isernhagen und Letter waren am Start, die dann aber wieder lange fehlten. Anderten und Vinnhorst kamen als Nachzügler. Auf diese Weise umfaßte der Zug Ende der 1930er Jahre 2.500-3.000 Schützen. Ein Zwischenspiel muß noch angesprochen werden. 1913 richtete das Schützenkollegium ein „Jungschützenkorps Hannover“ ein, worin 16- bis 20-Jährige im Schießen ausgebildet werden sollten. In diesem minderjährigen Alter durfte man damals kein Mitglied in einem richtigen Schützenverein sein. Uniformiert war das Jungschützenkorps nicht, es beteiligte sich aber 1913 und 1914 am Schützenausmarsch (im ersten Jahr mit 80 Marschierern, was gleichwohl nur einen kleineren Teil der Mitgliederschaft darstellte). Zur Wahrheit gehört leider, daß die Bildung des JSK mit entsetzlicher Begeisterung im Zeichen der aufziehenden Kriegsdämmerung stand. Geübt wurde explizit militärisches Schießen unter Anleitung des Militärs. Ob die ausgebildeten jungen Männer dadurch im 1.WK eher verheizt wurden als sie es sonst wären, weiß man nicht. Nach dem 1.WK gab es das Jungschützenkorps schon deshalb nicht mehr, weil dann - männliche - Jugendliche ordnungsgemäß in die Schützenvereine eintreten durften. Der Schützenausmarsch bekam dadurch ein jüngeres Antlitz.
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![]() Einbeziehung von Linden / Die Lindener Kanonen In vielen späteren Stadtteilen Hannovers wurden schon zu vor-hannoverschen Zeiten Schützenfeste gefeiert, so auch in Linden. Während des schnellen Wandels vom Dorf zur Industriestadt war diese Festivität dort jedoch durch die Obrigkeit verboten. Die Neubelebung des Schützenwesens in Hannover um 1900 schwappte aber auf Linden über, wo sich privatinitiativ Ansätze zur Wiederaufnahme des Schützenfestes regten. Richtig in Gang kam das Unternehmen, als die inzwischen entstandenen Schützenvereine SG Linden v. 1904 und BSG Linden v. 1906 die Organisation an sich rissen. Daraufhin erlebte die junge Stadt von 1907 bis 1914 Schützenumzüge, denen es nichtmal an Festwagen fehlte. Von den Eckdaten her sollte das Lindener Schützenfest auf Anfang Juni fallen, der Umzug - es war meist kein Ausmarsch zum Schießen - Sonntagmittag stattfinden und am Verkehrsknotenpunkt Schwarzer Bär starten (Hindernisse sorgten in allen Aspekten für Unregelmäßigkeiten). Wenn die Sprache auf den Zielort kommt, muß man dazu wissen, daß der Fluß Ihme im Bereich des heutigen hannoverschen Schützenplatzes noch einen Bogen nach Osten machte, das Areal Lindens also weiter vorreichte. Die Lindener hatten ihren Festplatz auf der Halbinsel genau dort - unglaublich verrückt! Bei den Lindener Schützenumzügen wurden stets zwei Kanonen mit über die Strecke gerollt. Es handelte sich um die selben Exemplare, die auch schon in den 1840er-1850er Jahren dabeigewesen waren. Ihnen haftete deshalb besondere Wertschätzung an, weil die Gusse vom ortsansässigen Egestorff-Werk (Hanomag-Vorläufer) stammten, sogar als dessen allererste produzierte Geschütze. Gezogen wurden die Kanonen jeweils von einem Vierergespann, davon jedes zweite Pferd beritten. Bis zu vier weitere Pferde/Reiter gehörten auch noch zu der Nummer. Mit der Eingemeindung Lindens nach Hannover (1920) verlagerte sich das Geschehen auf den Schützenausmarsch. Wenn man sich vorstellt, wie sich dann die Kern-Lindener Schützenvereine morgens auf dem Lindener Marktplatz trafen, um im Verbund durch die Calenberger Neustadt auf die hannoversche Altstadt zuzumarschieren und dabei die Kanonen mitzuführen, gäbe das im Grunde erstklassigen Legendenstoff ab. Doch politisch verhielt es sich andersherum als man denken könnte, Linden hatte die Eingemeindung gewollt. Auch in schützenmäßiger Hinsicht war es eigentlich ein denkbar geschmeidiger Übergang. Bei Lindener Arbeitgebern hatte man schon immer am hannoverschen Schützenausmarsch-Montag gut freibekommen können, beim Hannoverschen Freischießen durften mit Rücksicht auf Linden seit 1908 auch Nicht-Hannoveraner beste Preise gewinnen, und die einzelnen Schützenvereine waren vor dem 1.WK eh schon öfters zur Unterstützung im jeweils anderen Umzug mitgegangen. Spätestens wenn ein Lindener nach der Ihme auch die Leine überschritten hat, wird er zum Hannoveraner. Damit paßten die Kanonen nun ganz gut in den Schützenausmarsch. Was mit ihnen im 2.WK passierte, ob sie wohl als Rüstungsmetall eingeschmolzen werden mußten, ist hierbei eigentlich egal. Das Waffenablegen des Schützenausmarschs hätte dann ja auch sie betroffen.
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Die Köbelinger Straße Anfang und Ende des 19. Jahrhunderts. Zum Zeitpunkt des ersten Bildes gab es die Querstraße (heutige Karmarschstraße) noch nicht, im zweiten ist vorn links etwas von der Markthalle mit drauf. Ab der kleinen - noch immer vorhandenen - Laube in unsere Richtung und in unserem Rücken weiter stand vor 8 Uhr der Zug fertig auf der Straße: ![]() Streckenverläufe Als Hannover nur aus der Altstadt bestand, später erweitert um die Calenberger Neustadt, wurden vom Schützenausmarsch alle passierbaren Straßen durchpflügt, die es gab. Zumindest kam er an jeder Stelle der Stadt nah vorbei. Wenn auch in den Auswahlmöglichkeiten begrenzt, schlug man Montag, Dienstag, Mittwoch stets verschiedene Wege ein. Fixpunkte für die Streckenplanung waren die Wohnungen einiger wichtiger Amtsinhaber, im 19. Jahrhundert des Stadtdirektors (= Stadtoberhaupt), des Landdrosten (= Regierungspräsident der übergeordneten Flächeneinheit), des Schützensenators (= oberster Funktionär des Schützenwesens), evtl. noch des Polizeipräsidenten oder eines hohen Militäroffiziers. Diese weilten dann am entsprechenden Vormittag zu Hause, um zum Grüßen am Fenster bzw. auf dem Balkon zu erscheinen. Letzter vom Schützenausmarsch Heimgesuchte war bis 1913 Stadtdirektor Heinrich Tramm, der an der Stelle des jetzigen Schauspielhauses in der Prinzenstraße wohnte. Deswegen stammen unter den ältesten Photos des Schützenausmarschs auch welche aus jener ansonsten untypischen Gegend; 1911 wurde der Zug sogar hinter dem Opernhaus für die französische Wochenschau gefilmt! 1914 stand Tramm lieber in der Laube des fertiggestellten Neuen Rathauses. Damit hatte der Schützenausmarsch ein tolles Glanzlicht im Streckenverlauf hinzugewonnen. Für eine Parade aus dem Bilderbuch bog der Zug bis zum 2.WK immer vom Friedrichswall (damals: Friedrichstraße) auf den Trammplatz ein, und ein bißchen fühlt es sich da für viele Teilnehmer auch heute paradenartig an. Ob vorher das Wangenheim-Palais am Friedrichswall, welches von 1863 bis 1913 als Rathaus gedient hatte, besondere Aufmerksamkeit durch den Schützenausmarsch erfuhr, ist ebenso unbekannt wie die Frage bezüglich des Leineschlosses als Königsresidenz. In der Nazi-Zeit machte die Strecke meistens einen Abstecher nach Norden über den Winkel Brühlstraße - Lange Laube, weil dort die Gauleitung ihren Sitz hatte. Mit der Verminderung auf nur noch den einen Schützenausmarsch am Montag waren natürlich wohlüberlegte und längere Strecken gefordert. Die Verläufe lassen sich gut nachvollziehen. Jedes Mal führte der Weg durch folgende fünf Bereiche: Es hatte schon seinen Grund, weshalb sich das Alte Rathaus vorerst gegenüber dem Neuen Rathaus als Startpunkt behauptete. Denn mit dem Wechsel nach dem 2.WK unterzog man sich gravierenden Einschränkungen. Selbstverständlich wurden für die Aufstellung des Zuges, so wie der Schützenausmarsch sich dann entwickelte, die großen Freiräume beim Neuen Rathaus gebraucht. Aber für den Streckenverlauf sollte das verheißen, daß die Marschrichtung über den Friedrichswall und die Georgstraße entgegen dem Uhrzeigersinn vorgegeben war. Angesichts der Wehrlosigkeit kam es binnen drei Jahrzehnten zur fast völligen Unbeweglichkeit des Kurses. Zunächst flog die gräuslich wiederaufgebaute Calenberger Neustadt aus dem Programm. Dann mußte sich der Aegidientorplatz verabschieden, weil die Strecke nicht hunderte Meter lang direkt neben der ab Neuem Rathaus begonnenen Aegi-Hochstraße entlangführen sollte, und auch weil man zusätzlich zur notwendigen Sperrung der Hochstraße dort nicht weiterhin den ebenerdigen Verkehr stillegen konnte. Durch die Aegi-Hochstraße ergab sich für den Schützenausmarsch indessen von 1969 bis 1998 eine gewaltige Torwirkung vor der Osterstraße, sodaß der - unmittelbar davor erst komplett zusammengefügte Zug - noch eine zweite Start-Euphorie geschenkt bekam (für Bilder hier klicken). In der Altstadt wurden derweil weitere Straßen abgeklemmt, u.a. Breite Straße, nördliche Osterstraße, Kramerstraße, Schmiedestraße. Wohl zum ersten Sonntagstermin 1974 legte man einen als fortan weitgehend starr gedachten Streckenverlauf fest. Neu dabei war nun der Ballhofplatz, der heute für viele Beobachter das Bild des Schützenausmarschs prägt, da an jener Stelle immer die Fernsehkameras aufgebaut werden. Dazu sollte man wissen, daß der Ballhofplatz in der Nazi-Zeit entstanden ist; zuvor verlief dort nur die für den Schützenausmarsch zu schmale Ballhofstraße vormals Judenstraße. Ende der 1970er bis Anfang der 1980er Jahre machte der U-Bahn-Bau Umgehungen im Bereich Kröpcke und Südostflügel der Georgstraße auf Höhe Opernhaus erforderlich. Verschiedentlich marschierte man über den Opernplatz, um das Opernhaus herum und/oder vor dem Kröpcke in eine der Querstraßen links hinein. 2014 nahm der Schützenausmarsch zum letzten Mal den Schwenk östliche Ständehausstraße - Luisenstraße - Ernst-August-Platz - Schillerstraße, was noch als Abwechslungsmöglichkeit geblieben war (statt Kröpcke - Westflügel der Georgstraße), bei dem dort besonders krassen Zuschauerschwund aber als unangenehm empfunden wurde. Warum 2022-25 der Streckenabschnitt Baringstraße - Südostflügel der Georgstraße und damit der Hotspot des 20. Jahrhunderts herausfiel (zugunsten der mittleren Osterstraße und der nördlichen Karmarschstraße), ist ebenso unbekannt wie der Grund für die Rückgängigmachung 2026. Jenes Jahr kam es auch völlig überraschend zu dem sehr erfrischenden und streckenverlängernden Befreiungsschlag, ab dem Kröpcke nicht auf dem Westflügel der Georgstraße zu laufen, sondern die Spitzkehre in die nördliche Karmarschstraße zu nehmen, und über die Schmiedestraße zum Marstall zu gelangen. Dieser Bereich blieb dann allerdings erstmal fast zuschauerlos. Luisenstraße, Ernst-August-Platz und Schillerstraße wurden noch in jüngerer Zeit begangen:
Im früheren Bewußtsein gehörten auch die Meter vom Gilde-Tor bis zum Rundteil normal mit zur Strecke:
Eine Auswahl an Streckenverläufen des Zeitraums 1875-1939 (zur Orientierungserleichterung sind Ballhofplatz, Kröpcke, Hauptbahnhof und Neues Rathaus orange markiert):
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Jagdhundmeute 1903 (mit nur einem Pferd-Reiter-Paar) und 1927 (mit nur zwei menschlichen Fußgängern): ![]() Die Jagdhundmeute Im Umzug des Deutschen Bundesschießens 1903 hatte die erstmals dargebotene Nummer noch nicht herausragen können. Zum Schützenausmarsch 1927 griff der HJK 78 die Idee aber wieder auf. Er wandte sich an die „Kavallerieschule der Reichswehr“ in Vahrenwald, um die dort unterhaltene Jagdhundmeute als Teilnehmer zu gewinnen. Probehalber ließ man die Pferde erstmal weg, ehe ab 1928 dann das vollständige Kunstwerk organisiert wurde, wie es sich bis heute allseitiger Beliebtheit erfreut. Auch als die Foxhounds der Kavallerieschule nach dem 2.WK in den Schleppjagdverein „Niedersachsenmeute“ mit Standort Dorfmark (Lüneburger Heide) übergingen, blieb die Mitwirkung am Schützenausmarsch eine Ehrensache. Da die Aufstellung immer im Block des HJK 78 erfolgt, trägt dieser Schützenverein offenbar durchweg die anfallenden Kosten. Von 1999 bis 2005 nahm sogar noch eine zweite Einheit namens „Wedemärker Beagle-Meute“ teil, dies beim NJK. Das Jahr über beschäftigen sich Schleppjagdvereine mit Jagdreiten. Bei dieser Tätigkeit wird zunächst eine Duftspur gelegt, an der entlang bald darauf die ganze Jagdgemeinschaft unter Führung der Hunde durch das wilde Gelände braust. Der Auftritt innerhalb des Schützenausmarsches funktioniert freilich völlig anders. Hier bilden die Pferd-Reiter-Paare einen Rahmen, worin sich die Hunde in einem Knäuel zusammenhalten sollen, nicht nur schlendernd, sondern auch auf der Stelle verharrend und anschließend einen Abschnitt im Galopp laufend. Zum Reiz von Tiernummern gehört das Risiko, daß auch mal etwas schiefgehen kann, was hier sehr selten passiert (Probleme 2002 und 2006). Die Jagdhundmeute ist ein Markenzeichen des Schützenausmarschs Hannover. Sie verdeutlicht treffend dessen Ausnahmestellung unter den Festumzügen Deutschlands. Andernorts scheint lediglich ein süddeutscher Schleppjagdverein verschiedene Umzüge in Kleinstädten zu bereichern.
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Aus einem Vormarsch der BSG Herrenhausen 08: ![]() Frühmorgendliche Vormärsche Wenn die hannoverschen Schützenvereine und ihre partnerschaftlichen Musikzüge den Schützenausmarsch bestritten, waren sie zu dem Zeitpunkt in der Regel schon stundenlang auf den Beinen. Sie hatten vorher bereits den jeweiligen Vormarsch absolviert. Man verstand darunter das Abholen der verschiedenen Schützenkönige und evtl. weiterer wichtiger Mitglieder nacheinander von zu Hause, gestaltet als vergnügliche Tingeltour mit Frühstückspausen und kleinen Umtrunken, durchaus aber in gewisser Exerzier-Ordnung. Jedes Jahr mußte dafür ein Routenplan zugeschnitten werden. Entsprechend ergab sich die Uhrzeit für das Treffen zum Start, typischerweise etwas zwischen 3 Uhr und 5 Uhr. Auch die auserkorenen Gaststätten öffneten ihre Tore dann extra früh. Da das Hannoversche Schützenfest fast auf die längsten Tage im Jahreslauf fällt, spielte sich allerdings das Wenigste noch im Dunkeln ab. Und so zogen die einzelnen Vereine mit schmetternder Blasmusik durch die Wohngebiete, beäugt von geweckten Anwohnern an den Fenstern. „Ihr lustigen Hannoveraner“ war häufig das Lied, mit dem die Menschen wachgeküßt wurden. Allein schon diese Vormärsche machten es im 20. Jahrhundert für erhebliche Bevölkerungsteile unmöglich, am Schützenausmarsch vorbeizuleben. Oft scharten sich größere Kinder und jüngere Jugendliche zu einem Begleittroß zusammen. Je nach Standort und Einzugsgebiet des Schützenvereins konnte aber nicht unbedingt der gesamte Vormarsch zu Fuß erfolgen. Es wurden auch Straßenbahn und Busse benutzt. Als spektakulär sind die Vormärsche des Wozu solch eine Ausuferung, mag man im ersten Moment fragen, warum diese zusätzlichen Anstrengungen? Die Antwort lautet: Es konnte gar nicht anders kommen. Das Phänomen Vormarsch war den hannoverschen Schützenvereinen in die Wiege gelegt. Erwähnungen finden sich schon in der Gründungswelle vor dem 1.WK. Als wichtige Voraussetzungen sind anzusehen, daß frühmorgendlicher Lärm den Hannoveranern altbekannt vertraut war, nämlich durch die Ausrufer-Tamboure-Truppe, und daß es nur noch den einen Schützenausmarsch am Montag gab, keine weiteren an den Folgetagen, wodurch also die Kampfzeit für Schützen und Kapellen immerhin überschaubar blieb. Ein fördernder Grund bestand in der Praxis der Siegerehrung zum Städtischen Freischießen. Schützenkönige des Vorjahres bekamen erst am Abend vor dem nächsten Schützenausmarsch die Ketten mit den Ehrenschildern ausgehändigt. Wenn ein Schützenverein nun einen derartigen Preisträger in seinen Reihen hatte, der durch Abholung gefeiert werden sollte, konnte dies in schmucker Art nur an dem frühen Montagmorgen erfolgen. Daß Abgeholtwerden als Bereitung eines unvergeßlichen Erlebnisses eine sinnvolle Vereinsaktivität ist, läßt sich nachvollziehen. Und überhaupt, die Mitglieder eines Schützenvereins, tendentiell im gleichen Stadtviertel wohnend, gingen doch nicht einzeln in Uniform zum Aufstellungsort am Rathaus. Sie sammelten sich natürlich zunächst in ihrem Vereinslokal. Von dieser Stufe aus war es ein naheliegender Schritt, bereits jetzt die Kapelle einzubeziehen. So betrachtet stellte die Durchführung eines Vormarschs dann auch kein verrücktes separates Element mehr dar, sondern „nur“ die zeitliche Ausweitung des ohnehin angesagten Geschehens. Nachdem ab 1955 das Schießen nach dem Schützenausmarsch und an den Folgetagen wegfiel, verloren die Vormärsche als Auftakt einer Mammutaufgabe schonmal ihren lieblichen Schrecken. Noch bequemer wurde es mit der Terminverlegung des Schützenausmarschs auf Sonntag in den 1970er Jahren. Nicht wegen des geänderten Wochentags, sondern weil damit zugleich die Startzeit nach hinten wanderte. Vereine, die in den 4. Zug eingeordnet waren, brauchten ja bald erst gegen 12 Uhr am Rathaus zu erscheinen. Mithin verschoben sich auch die Vormärsche auf ganz neue Zeiten. Trotzdem mußten nach und nach manche der allmählich zerbröselnden Schützenvereine die Gepflogenheit aufgeben. Andere verlegten ihren Vormarsch - weshalb auch immer - auf Samstagnachmittag (obwohl es mit erheblich höheren Kosten verbunden ist, eine Kapelle für insgesamt zwei Tage zu buchen). Weiterhin gab es aber ein Lager, das irgendwie die alte Härte des Schützenausmarschs spüren wollte. In den 2010er Jahren führten schätzungsweise noch ein Dutzend Vereine den frühmorgendlichen Vormarsch durch. Aktuell finden vielleicht hier und da Vormärsche mit Hausbesuchen am Samstagnachmittag statt, oder einfaches Marschieren zum Rathaus am Sonntagvormittag. Es ist fraglich, ob jetzt, wo kein durchgehendes Band mehr besteht, ein frühmorgendlicher Vormarsch mit klingendem Spiel in Hannover polizeilich noch geduldet wäre.
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Ein Gedicht von 1928 unter dem Titel „Schützenmontag“: // Hurra, jetzt könnt Ihr etwas seh`n / Auf allen Straßen Leute steh`n / Hannover scheint elektrisiert / Der Schützenzug kommt anmarschiert / Schon kommt er näher, seht - Hurra / Tsching bum trara, der Zug ist da // Und forsche Männer Reih` in Reih` / Zieh`n festen Schritts an uns vorbei / Die Joppen grün wie Wies` und Wald / Die Feder keck vom Hute wallt / Geschmückt mit Blumen ohne Zahl / Vergißt der Schütze Not und Qual // Denn Schützenmontag, müßt Ihr wissen / Nie möchte den ein Schütze missen / Es freut sich alles, Groß und Klein / Wie kann`s auch anders möglich sein / Wohin den Blick man schweifen läßt / Herrscht Fröhlichkeit zum Schützenfest // Und erst der tapf`re Paukenmann / Der haut d`rauf los, so fest er kann / Und mit den Fahnen bunt und schwer / Hannovers Schützen kommen her / Und viele Schlachtenbummler auch / Sind nachgeeilt nach altem Brauch // So geht es nun Straß` ein und aus / Bis daß man steht vor`m Schützenhaus / Und wenn das „Hoch“ im Rundteil klingt / Der Schütze seine Büchse schwingt / Da draußen geht`s in Saus und Braus / Doch ernsthaft ist`s im Schützenhaus / Denn wer den besten Schuß bringt an / Der wird geehrt als „Bester Mann“ //. |
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Schmückung des Streckenabschnitts Ernst-August-Straße (auf der historischen Leineinsel): ![]() Veränderungen durch die Nazi-Zeit / Schützenausmarsch 1950 / Ende des Ausmarschierens zum Schießen Für etliche Aspekte des Schützenausmarschs bedeutete der 2.WK das Ende. Teils packte man aber aktiv die Gelegenheit beim Schopfe, sich von verstaubten Dingen zu trennen, denn andernfalls hätte man sie ja anschließend einfach wieder aufnehmen können (z.B. die Einrichtung Schützenkollegium, das frühmorgendliche Ausrufen, den Namen Freischießen). Daß fortan ohne Gewehr marschiert werden mußte, war kein großes Thema, paßte sogar besser in die Jahrzehnte, als die Schützen sich vor der Bestürmung durch Zuschauer kaum retten konnten. Die langfristige Auswirkung des Waffenablegens wiegt allerdings schwer und beeinflußt die heutigen Handlungsmöglichkeiten erheblich. Weiters gingen auf die Kappe der Nazi-Zeit zehn ausgefallene Schützenausmärsche (je fünf währenddessen und fünf danach), die nicht mehr beteiligten Kriegstoten, die Zerstörung der Kulisse des Stadtbilds. Tückischerweise betraf das die im Dritten Reich stattgefundenen sieben Schützenausmärsche selbst nicht. Sicherlich wurde ab 1933 manches im Hintergrund umorganisiert, einige Sachen anders benannt, doch offen erkennbare Veränderungen gegenüber vorher lassen sich kaum feststellen. Nach Neuordnungswellen in der Vereinslandschaft enthielt der Zug Sonderpulks aus den Fahnen der ehemaligen Schützenvereine. Fahnen sollten von den Zuschauern grundsätzlich mit Hitlergruß bedacht werden, insbesondere übrigens die vier Zugfahnen. Dies war jedoch eine allgemeine Erscheinung jener Zeit, ebenso die Beflaggung mit dem Hakenkreuz als geltendem Staatssymbol. Wie zuvor wünschte man, daß möglichst die privaten Anwohner sich eigenständig um die Streckenschmückung kümmerten. Als inhaltliche Neuheit ist die Zulassung des allerersten Festwagens zu nennen. Der Einstieg von Frauen als Zugteilnehmer, gerade auch als Schützen, bahnte sich an und wäre in den 1940er Jahren gekommen. Ins Dritte Reich fällt vor allem die Anlegung des jetzigen Schützenplatzes zu 1937. Auf dem immer uriger gewordenen ersten Schützenplatz in der Ohe waren die Zustände längst nur noch behelfsmäßig gewesen. Die Maßnahme erfolgte im Paket mit dem Bau des Maschsees und der Zuschüttung des Ihme-Bogens. Wie man daran sehen kann, daß sehr schnell in den 1950er Jahren der Sportpark inklusive Stadion verwirklicht wurde, hätte es für die Neugestaltung dieses ganzen Bereichs der Leinemasch aber nicht unbedingt der Nazi-Herrschaft bedurft. Verkehrstechnisch brauchte man zudem eine Ost-West-Verbindung über Leine und Ihme hinweg, wofür die ausgesuchte Trasse quer über die Fläche des ersten Schützenplatzes in der Ohe verlief. Damit geriet zwar das Schützenhaus mit den Schießbahnen etwas ins Abseits, doch war es vom Rundteil des zweiten Schützenplatzes in der Ohe als dem neuen Zielort des Schützenausmarschs auch nur ein Katzensprung bis dorthin. 1949 wurde das Betreiben von Schützenvereinen und das Abhalten von Schützenfesten durch die britischen Besatzer wieder zugelassen. Nach Ansicht der Stadtbehörde gab es aber drängendere Angelegenheiten, weshalb sie sich weigerte, 1950 das Schützenfest auszurichten. Die Schützenszene war anderer Meinung. Sie fühlte, daß diese Einkehr der Normalität dem Volk wichtig wäre. Und so organisierten die Schützen - unter maßgeblicher Anleitung des HJK 78 - den Schützenausmarsch auf eigene Faust. Eine große Gruppe Jagdhornbläser ließ am Alten Rathaus in der Köbelinger Straße die Eröffnungssignale ertönen. Nach zehnjähriger Zwangspause, gefüllt mit Unglück ohne Ende, war er wieder da! Man schrieb Montag, den 3. Juli 1950, als sich der zweifellos emotionalste Schützenausmarsch aller Zeiten ereignete. Für viele Zuschauer wird es ein trauriges Gefühl gewesen sein, daß angehörige Kriegstote nicht mehr wie früher mitgingen, andererseits lebten diese nun ein wenig im wiederauferstandenen Schützenausmarsch weiter. Ein Teil der hannoverschen Bevölkerung mußte das Kulturgut erst kennenlernen, nämlich die Kinder und Jugendlichen, aber auch die zahlreichen in der Stadt gestrandeten Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten. Für Empörung sorgte der Umstand, daß am Neuen Rathaus wirklich keinerlei Schmuck angebracht war. Offenbar als Vergeltungsakt gegen die stadtbehördliche Ignoranz wurden die Zugstandarten in der Reihenfolge Grün-Weiß-Rot-Gelb getragen, also mit den allgemeinen Schützenfarben anstatt den hannoverschen Stadtfarben vorn (was noch mehrere Jahre lang so blieb). 1951 nahm die Stadtbehörde ihre Trägerschaft über das Schützenfest aber wieder auf. Dabei wurde eben dieses Neue Rathaus als Startpunkt eingeführt. Rückblickend betrachtet markiert der Schützenausmarsch 1950 somit einen Übergang. Den Übergang von einer Epoche, in welcher der Schützenausmarsch stark wie nie zuvor war, zu einer Epoche, in der er noch entschieden stärker wurde. Niemals sonst in der Geschichte bedeutete der Schützenausmarsch den Hannoveranern so viel wie in den 1950er Jahren! „Schützenausmarsch“ wurde jetzt als fester Begriff für das Ereignis bestimmt. Dieses Wort war schon immer in Gebrauch gewesen, aber nicht dermaßen geprägt, daß es als einzig richtig erschienen wäre. Man verwendete zur Benennung auch „Ausmarsch der Schützen“ oder bei klarem Kontext nur „Ausmarsch“, gemäß altertümlicher Sprachgewohnheit oft in der Form (beim, zum, dem, …) „Ausmarsche“. Daneben lautete eine genauso geläufige Wortwahl „Auszug der Schützen“. In Veröffentlichungen aus dem Kaiserreich wurde bewußt abwechslungsreich mit den weiteren Ausdrücken „Schützenzug“, „Schützen-Festzug“ und „Schützenfestzug“ hantiert. Aber ist es tatsächlich denkbar, daß die hannoversche Bevölkerung auch in ihrer mündlichen Kommunikation keine einheitliche Bezeichnung für das tiefstverankerte Brauchtum geschaffen hatte? Ja schon, wenn man beobachtet, daß Schützenumzüge fast nirgendwo festgelegt heißen. In der Weimarer Republik und in der Nazi-Zeit wurde dann daran gearbeitet, dem Schützenausmarsch Hannover ausschließlich diesen Eigennamen zuzuerkennen. Trotzdem liegt noch aus Anfang der 1950er Jahre von einem überraschten Schützen das Zitat vor, „ ‚Schützenausmarsch‘ soll es jetzt also sein.“ Das beschädigte Schützenhaus in der Ohe mit den Schießbahnen war nach dem 2.WK abbruchreif. Selbst wenn es unbeschädigt geblieben wäre, hätte man allerdings eine modernere Anlage benötigt. Gleichwohl begann das Städtische Schießen noch immer unmittelbar nach dem Schützenausmarsch, und zwar in einem Zelt direkt auf dem Schützenplatz... Weiterhin bestand auch die Regel, daß jeder Schütze zuvor am Ausmarsch teilgenommen haben mußte. Nach heftigem Streit über den Zukunftsplan fiel nun die Entscheidung, ganz woanders ein neues Schützenhaus zu errichten. Zum Bundesschießen 1955 war sie fertig, „die Wilkenburg“, wie der Anlagenkomplex am südlichen Stadtrand in Wülfel umgangssprachlich genannt wird (weil er an der Wilkenburger Straße liegt). In all den Jahrhunderten traf den Schützenausmarsch Hannover keine Veränderung so hart wie diese. Seitdem marschieren Hannovers Schützen nicht mehr zum Schießwettbewerb „aus“. Das Städtische Schießen vormals Freischießen vormals Johannisschießen, Vom einzigartigen Schützenausmarsch 1950:
Das vom Zug zu durchschreitende Haupttor des Schützenplatzes mit dem neuen offiziellen Namen der Gesamtveranstaltung:
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Legendärer Schützensenator Carl Beuermann: ![]() Kutschen, Wagen, Reiterstaffeln Fahrzeuge waren dem Schützenausmarsch in althistorischer Zeit fremd. Man könnte spekulieren, ob vielleicht die frühere Beschaffenheit des Straßenpflasters zumindest als zu großes Risiko für den störungsfreien Ablauf erachtet wurde. Sicher aber verstand man den Schützenausmarsch auch noch nicht in ausreichendem Maß als schauattraktiven Festumzug. Mit der Verminderung auf nur den einzigen Ausmarsch am Montag sowie dem Einstieg „sonstiger Gruppen“ scheint Bewegung in diese Sache gekommen zu sein. Sofort danach, 1876, findet sich der erste Hinweis auf Kutschen. Zwei Vierspanner waren da in die Zugspitze gesetzt, um zwei Schützen bei ihrer 50. Teilnahme am Schützenausmarsch zu ehren. 1897 führte die USG 37 zu ihrem 60-jährigen Jubiläum einen „Wagen“ für die ältesten Mitglieder mit. Zur festen Einrichtung wurde ein bestimmtes Fahrzeug durch Schützensenator Carl Beuermann, und zwar zum Zwecke der Präsentation seiner selbst... Beuermann war allerdings tatsächlich eine ungewöhnlich berühmte Persönlichkeit des hannoverschen Schützenwesens, auch schon vor und sowieso nach der von 1904 bis 1925 währenden Amtszeit (die Straße westlich des Schützenplatzes ist nach ihm benannt). Ab 1905 fuhr für ihn in der Zugspitze eine mit vier Rappen bespannte Kutsche. Daß Fahrzeuge ansonsten jedoch nicht zugelassen waren, erkennt man an der Regelung, die in den 1920er-1930er Jahren getroffen wurde. Dann durften nämlich zwar „Wagen“ mitgeführt werden, aber nur von den Schützenvereinen, ausschließlich für ihre kriegsgeschädigten Mitglieder, und allesamt am Ende des Zuges einsortiert. Dieses Prinzip genügte lediglich der Anforderung, wonach jeder am Schießwettbewerb teilnehmende - unter-60-jährige - Schütze zuvor physisch die Marschstrecke zurückgelegt haben mußte. Unbedingt verhindern wollte man fahrende Fortbewegung einzelner Personen aufgrund finanzieller Leistbarkeit. Gegen die Aufwertung des Schützenausmarschs mittels Festwagen sprach offensichtlich ein sehr starkes überkommenes Ethos. Kennen tat man sie durchaus, von den Bundesschießen-Umzügen 1872 und 1903, von den Lindener Schützenumzügen, vor allem von anderweitigen Festumzügen in der Stadt (Sänger, Gewerbe, Sportler). Die aus Linden eingebrachten Kanonen stellten ja auch bereits eine Vorstufe dar. Doch erst 1936 bequemte man sich zur Premiere, als der HJK 78 eine fahrbare Naturlandschaft mit ausgestopftem Jagdwild angefertigt hatte (einen fast identischen Festwagen gab es übrigens im Jahr 2018 wieder zu sehen). Nach dem 2.WK wollte man von dem ehemaligen Ethos schon gar nichts mehr wissen. 1951 rollten an den Enden der vier Züge fröhlich Autos, Kutschen und Festwagen mit durch, z.B. von Spirituosen-Herstellern und Schrebergärtnern. An Reiterstaffeln war die (Gilde-)„Reiterei“ seit Beginn des Jahrhunderts eine Institution. Dann kamen in den 1920er Jahren die Reiter von der Jagdhundmeute hinzu, und als dritter fester Posten in den 1970er Jahren der Reiterfanfarenzug Höven aus dem Oldenburger Raum (letzterer wechselte sich später oft mit dem ebenfalls oldenburgischen Reiterfanfarencorps Visbek ab; heute sind mitunter beide gleichzeitig anwesend). Doch daneben beschickte auch eine ganze Reihe weiterer Gruppen aufopfernd diesen Part. Kurioserweise parallel zu den Kraftfahrzeugen sollten die 1950er bis 2000er Jahre auch das starke Zeitalter des Pferdereichtums sein. Da gab es zu verschiedenen Zeiten jagdliche Reitergruppen der Schützenvereine HJK 78 und Jagdschützen Hannover. Jahrzehntelang beteiligten sich - in ungeklärter Aufmachung - mehrere Reiterhöfe am Schützenausmarsch Wenn für dieses Zeitalter von im Schnitt vielleicht 170 Pferden im Schützenausmarsch auszugehen ist, entfielen davon viele auf die Kutschen. Jetzt ein Auslaufmodell darstellend, konnte man z.B. noch beim Schützenausmarsch 2009 mindestens 23 Pferdefuhrwerke bestaunen, darunter drei Vierergespanne. Die früher zahlreicheren und größeren hannoverschen Schützenvereine hatten es leichter, Kutschen für ihre ältesten Mitglieder oder Schützenkönige anzumieten. Öfter fuhr eine spektakuläre Doppelstockkutsche durch, meist mit Jagdhornbläsern besetzt. Besondere Aufmerksamkeit erregten natürlich die Brauereikutschen. Gilde und Herrenhäuser boten zeitweise Sechsergespanne auf, Wülfeler übertrumpfte sie 1989 einmal mit einem Achtergespann. Kaiser und Wülfeler ließen es sich nicht nehmen, selbst noch unmittelbar vor ihren Auflösungen 1978 bzw. 1994 teilzunehmen. Herrenhäuser zog seine Kutsche Mitte der 2010er Jahre aus dem Verkehr, von Gilde wurde 2019 das letzte Mal eine gesichtet. Hier klicken für ein kleines Spezial zu den Brauereikutschen.
Trakehner-Staffel der Landsmannschaft Ostpreußen, links der beliebte Heuwagen mit drauf herumtollenden Kindern, rechts eine Standarte aus der deutschen Zeit Ostpreußens:
Links 1936 der erste Festwagen des Schützenausmarschs überhaupt, rechts die aufgemotzte Version mit großem Hirsch:
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